- Thomas Bernhard (Solo-Lesung)

 

"Goethe schtirbt"

Szenische Lesung von Thomas Bernhard mit Wolfram Berger

 

Anfang 1985, vier Jahre vor seinem Tod, trifft Bernhard den Verleger Siegfried Unseld in Wien und erzählt ihm, dass er gerne einen Sammelband von 5 Erzählungen unter dem Titel „Goethe schtirbt“, neben der Titelerzählung die Stücke „Montaigne“, „Wiedersehen“ und „In Flammen aufgegangen“ veröffentlicht hätte. Der fünfte Beitrag ist nicht mehr zustande gekommen. Auf den ersten Blick wird man vergeblich nach einem geistigen Band suchen, das alle Erzählungen umschließt, außer, dass sie Stilmittel, Sprachstrukturen und syntaktische Grundmuster aufweisen, die dem Bernhardkenner von seinen früheren Werken her vertraut sind.

 

"Goethe schtirbt" In der fiktiven Erzählung „Goethe schtirbt“ führt sich Bernhard als beobachtender Zeitgenosse ein. Der sterbende Goethe ist fasziniert durch das Gedankengebäude Wittgensteins, der zum Zeitpunkt von Goethes Tod noch nicht geboren war. Er glaubt an dessen „tractatus philosophicus“ und meint darin eine Weiterentwicklung seines eigenen Denkens zu erkennen und will Wittgenstein nach Weimar holen. Ein größerer Unterschied als der zwischen Wittgensteins Denken und Goethes Weltsicht, „der beobachtende Blick, der so still und rein auf den Dingen ruht“ (Schiller in seinem berühmten Brief an Goethe von 1794) ist kaum vorstellbar.

 

"Montaigne" Gleich im ersten Satz greift Bernhard das Thema „Flucht“ auf, der wir in der vierten Erzählung in gewandelter Form wieder begegnen. Hier ist es die Flucht vor der Familie-also vor seinen „Peinigern“, die ihn beschuldigen, die einzige Ursache ihres Unglücks zu sein. Er habe es nur darauf abgesehen, sie zu verhöhnen, zu zersetzen und zu zerstören. „Nicht ich sei der Kranke und also der Schwache sagten sie, sondern sie seien die Kranken und Geschwächten, die von mir Beherrschten“.

 

"Wiedersehen" ist ein Spiel der Erinnerungen. Das selbstverständliche Einverständnis der beiden Jugendfreunde, das zunächst in der Erinnerung Gestalt gewinnt, ist freilich nur während der schweigsamen, gemeinsamen Wanderungen wirksam, denn der Keim künftiger divergierender Entwicklungen ist von Anfang an erkennbar und im weitesten Sinn als bestimmend für die ganze Entwicklung erkannt.

 

Entscheidend für den eigenen Weg ist der Entschluss des Erzählers Bernhard, aus dem „Kerker Familie“ auszubrechen, rücksichtslos, ohne irgendeine sentimentale Bindung zu akzeptieren. Der andere, dem er nach zwanzig Jahren wieder begegnet ist, erinnert sich an nichts mehr - er hat gewissermaßen einen Teil seines Ich gelöscht.

"Manche Leute würden lieber sterben als nachdenken. Und sie tun es auch."

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