„Das Liebeskonzil“

Mit Wolfram Berger und Toni Burger

Das letzte der styriarte-Satyrspiele 2012, Oskar Panizzas 1894 erschienenes Drama „Das Liebeskonzil“, handelt wie das vorausgegangene Konzert Jordi Savalls von der Figur des verkommensten aller römischen Päpste,
dem Borgiapapst Alexander VI.

Die Handlung

Das Entsetzen der himmlischen Familie ob der moralisch-sittlichen Verwerflichkeit des Menschengeschlechts ist gross. Skandalös sind die Zustände am Hof des Borgiapapstes Alexander VI. Im Pakt mit dem Teufel beschliesst das illustre Himmelstrio von Vater, Sohn und Jungfrau Maria, den Menschen eine Lektion zu erteilen. In der Vereinigung des Teufels mit Salome wird das betörende ‚Weib’ gezeugt, das vom Papst über die Kirchenhierarchie bis zum gemeinen Volk die Menschen verführt und im Lustrausch die Syphilis beschert. Zu unheilbarer Krankheit verdammt, werden die geläuterten Seelen zu Gott zurückgeführt.

Die Aufführung

Was nun Wolfram Berger (alle Rollen) und Toni Burger (Geige) aus dem satirischen Skandaldrama machen ist allerfeinstes Kopftheater. Das Panoptikum der himmlischen Familie mit dem sabbernd-senilen Chef, seinem leicht debilen Sohn, einer gelangweilten servilen Engelsschar und Mutter Maria, die den Laden schmeisst: alle entstehen markant vor unserem inneren Auge, meisterhaft mit wenigen Strichen und kräftigen Farben sprachlich zum Leben erweckt. Zum theatralischen Höhepunkt gelingt Berger der Teufelsmonolog – die suggestive Abrechnung des Angestellten, der von der himmlischen Chefetage für seine Arbeit nie angemessen entlöhnt wird. Das Psychogramm des Teufels zwischen Frust und Selbstverliebtheit, mit einem Wutausbruch bis zum Kollaps gerät Berger zum Kabinettsstück an Stimmungen, Färbungen, Verzögerungen und Steigerungen, dass einem ob des theatralischen Zaubers schwindlig wird.
Die Geige von Toni Burger, elektronisch verstärkt und mit Loops orchestriert, unterstützt die theatralische Form. Höfische Tänze erklingen neben Klangimitationen elektrischer Gitarren, Zwischenaktmusiken wechseln mit handlungsbezogenen Stücken, die je nach Verlauf der Geschichte Stimmungen erhellen oder kontrastieren. Wenn das Inferno der Syphilis beginnt, erklingt Bach/Gounods ‚Ave Maria’ mit Geige und dem aus der Kulisse unerwartet singenden Altus’ Christoph List - ein himmlischer Gesang, der angesichts der szenischen Einbindung das Blut erfrieren lässt. Klug ist die Musik durch ihre Vielfalt, zeitlos ausgewählt und musikalisch brillant umgesetzt.

Der Skandal

Blasphemie oder Anschluss an eine Tradition künstlerisch notwendiger Freiheit? Für die Griechen der Antike war die in Stein gemeisselte Götterwelt die Abbildung des idealisierten Menschengeschlechts nach perfektem Mass. In der griechischen Mythologie und Dichtkunst hingegen menschelt es gewaltig unter den göttlichen Ensembles. Eifersucht, Neid, Geltungssucht, Machtgebaren setzen die Dynamik der Geschichten in Gang. In der christlichen Ikonografie haben wir, mit Einschränkung der selteneren Darstellung Gottes gleichermassen eine Tradition zeitgebundener,  idealisierter Darstellungen Jesus’, Marias und der englischen Heerscharen. Rüttelt ihre Reduktion auf menschliches Mass wirklich an den zentralen Glaubensinhalten, die sich doch gerade kraft ihres Mangels an Realitätsbezug bewähren und erhalten sollen? Oder ist es nicht vielmehr die Nähe zu den als schwindsüchtig und überlebt dargestellten Herrschaftsverhältnissen aus Panizzas’ gelebter Gegenwart um 1900, die den Skandal seines Stückes ausmacht? Angesichts der 2009 erfolgten Enthüllungen aus geheimen amerikanischen Medizinarchiven der Jahre 1946-48 braucht es nicht einmal den Teufel, der im Auftrag Gottes die Menschheit mit Syphilis abstraft. Der amerikanische Arzt Dr. John Cutler infizierte mit Wissen seines Gesundheitsministeriums 1300 unwissende Menschen in Guatemala auf bestialische Art, um den Verlauf der Syphilis zu studieren. An den Folgen leidet durch Vererbung die 4. Generation…. Und schuf den Menschen nach seinem Ebenbild?

                     Bernhard Dittmann

 

 

 
Titelbild der 1897 bei Jakob Schabelitz in Zürich verlegten dritten Ausgabe des Liebeskonzils,
Künstler: Max Hagen.

AUCH ALS KLANGBUCH/HÖRBUCH/CD

Hörbeispiele:

Liebeskonzil Kapitel 3

Liebeskonzil Kapitel 10

Liebeskonzil Kapitel 11

Liebeskonzil Kapitel 12

Liebeskonzil Kapitel 13


mehr zum Klangbuch

Verlag Mandelbaum


 

Man braucht sehr lange, um jung zu bleiben (Picasso)

IMPRESSUM