Schauspieler des Jahres im Hörspiel ist: Wolfram Berger

 

In früheren Zeiten galt Ernst Meisters Stimme als die "Stimme Österreichs". Nach seinem Tod war diese Position verwaist.

Seit Wolfram Berger wieder in Österreich ist, haben wir einen neuen Anwärter auf diese Ehrenbezeichnung, die aber nicht wir verleihen können, nur die Zeit und die Hörer.

Die Juroren des Hörspiels haben sich einstimmig entschieden, den Titel, den sie verleihen dürfen, dieses Jahr an jemanden zu vergeben, dessen Stimme Ihnen aus unzähligen Radioproduktionen bekannt ist, dem man mit Vergnügen zuhört, und der auch komplizierteste Sachverhalte in fassbare Bilder umsetzt.

(Dr. Konrad Zobel)

PRESSESPIEGEL

Laudatio von Hermann Beil

"Der Schauspieler tritt in einem Märchenspiel auf, in dem er die Rolle des Zauberers spielt."

Mit diesen Worten beginnt heute Abend mein Auftritt in Berlin, der auch der Grund ist, warum ich meine Laudatio auf Wolfram Berger nicht persönlich halten kann. Und ich wäre so gerne gekommen, um das Loblied auf einen Zauberer zu singen, dem ich mich persönlich und künstlerisch verbunden fühle. Diese freundschaftliche Verbindung, erst vor einem dreiviertel Jahr, anlässlich unserer Zusammenarbeit in der Uraufführung von Arnold Schönbergs Schauspiel "Der biblische Weg" bei den Wiener Festwochen wieder bekräftigt, hält buchstäblich seit 30 Jahren.

Allein in der langen Liste seiner Hörspielaufnahmen entdeckte ich den Titel eines Stücks, das er nicht nur für den Österreichischen Rundfunk aufgenommen hatte, sondern in dessen sensationeller Uraufführung auf der Bühne er damals in unserer gemeinsamen Basler Theaterheimat auch mitgespielt hatte. Heinrich Henkels Theaterstück aus der Arbeitswelt Eisenwichser", das mir vor 3 Jahrzehnten buchstäblich auf den Schreibtisch geflattert war, schien für Wolfi Berger wie auf den Leib und wie in den Mund geschrieben. Er führte es zum Erfolg, zum sprichwörtlichen Welterfolg sogar, denn er war die ideale Besetzung für den jungen Malerlehrling. In seinem Spiel offenbarte sich damals schon - mir unvergessen - das Charakteristische seiner Spielweise: er spielt direkt, schnörkellos, mit aller Kraft und doch voller Grazie. Mit ihm kommt Poesie und Realität zugleich auf die Bühne. Immer sucht er das Zentrum der jeweiligen Figur, um dann aus der Mitte dieser Figur heraus zu spielen. Deswegen ist seine Präsenz auch im Hörspiel stets so unmittelbar. Allein mit seiner Stimme verschafft er seinen Figuren eine plastische Anwesenheit, die geradezu körperlich spürbar und erlebbar wird.

Wolfi Berger ist für mich handfester Stoff für Träume, immenser Stoff für Traumkomik und für Traumgelächter.

Seine Vorlieben, seine Hingabe, ja seine Besessenheit für die wunderlichen Dinge der Poesie sind aber das Gegenteil von weltfremd oder kopflastig, denn er hat weder das Staunen noch das Lachen verlernt.

Er ist eigentlich Puck, Zettel, Peter Squenz und Oberelfe in einer Person, also alles in allem: eine selten kostbare Begabung.

Auch seine Hörspielbegabung hatte sich schon vor Urzeiten durchschlagend und prophetisch erwiesen. Als er uns nämlich, aus Graz kommend, auf der Bühne des alten Basler Stadttheaters vorgesprochen hatte, wirkte er sehr verhalten, und wir, die wir ihn unbedingt engagieren wollten, blieben in unserem Enthusiasmus zunächst noch gebremst. Da schnappte sich der gewitzte Theaterdirektor Werner Düggelin den sehr jungen Wolfi Berger, verschwand mit ihm in seinem kleinen Büro, um nach einer Viertelstunde uns gespannt Wartenden stolz zu verkünden, er habe den Wolfram Berger engagiert. Wie kam es aber nun zu dieser schnellen Entscheidung, die schließlich Wolfi Bergers in Basel und später auch in Zürich so erfolgreiche Kunstentfaltungsperiode eröffnet hatte?

Was gab nur den rettenden Ausschlag?
Wolfi Berger hatte in der engen Bürokammer dem Direktor ganz einfach ein Lied vorgesungen. Das gab den Ausschlag.

Es war also der unmittelbare akustische Eindruck. Und natürlich die vis comica. Ich behaupte nämlich, Wolfi Bergers Gesicht kann man auch hören, es entsteht vor den Augen des Hörers. Es ist zum Greifen nahe, gerade weil er ein Sprecher ist, der so spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Sein Schnabel ist gewiß ein differenzierender, höchst nuancierender, durchaus feiner Sprech-Schnabel, der es immer schafft - sei es als Erzähler oder als Figur - eine Spannung zum Zuhörenmögen, zum lustvollen Zuhörenmüssen aufzubauen.

Im Grunde seines Herzens (- und seines Könnens!) ist Wolfram Berger ein Zauberer und ein Unikum obendrein. Ein wunderbarer Einzelgänger und ein absoluter Ensemblespieler.

Sein Schnitzler-, sein Horvath- oder sein Karl Kraus - Spiel haben es bewiesen. Er wirft sich bedenkenlos in seine Rollen und auf seine Texte und erfindet dabei höchst empfindsam und eigensinnig Theater - und Sprachpoesie. Seine eigenen literarisch - musikalischen Soloabende sind eine schier unerschöpfliche Fundgrube für höheren Blödsinn und tiefere Weisheit und entpuppen sich immer wieder als Geniestreich.

Der gerade Weg des Wolfram Berger besteht aus den weitesten Umwegen, den kuriosesten Abzweigungen und beinhaltet die herrlichsten Ausblicke.

Und ans Ziel kommt er immer.

Einst verkündete ein großer Dichter, die Rettung des Theaters könne nur von den Schauspielern kommen. Natürlich hatte Hugo von Hofmannsthal die großen Schauspieler seiner Zeit vor Augen, als er dieses Postulat formulierte.

Heute gehört Wolfi Berger zu jenen das Theater rettenden Schauspielern. Vor allem aber, weil er viel mehr ist als nur Schauspieler: ist er auch viel mehr als ein guter Hörspiel-Spieler.

Mit seinem vergnügten Schauspielerherzen ist er ein mutiger poetischer Grenzgänger. Er ist ein Seiltänzer, der alles riskiert. Und weil er immer alles riskiert, stürzt er nie ab.

Höchst eindringliches und unsentimental zartes Beispiel dafür ist sein jüngstes Hörspiel "Der Himmel ist bodenlos geworden"

Zur Zeit bin ich Gastarbeiter an einem Berliner Theater, das auch einmal von Max Reinhardt geleitet worden ist. Dieser universelle Theaterkünstler hat die tiefste und zugleich die einfachste Erklärung für die Unsterblichkeit des Theaters gegeben. In seiner "Rede über den Schauspieler" heißt es, das Theater "ist der seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiterzuspielen."

Und genau das praktiziert Wolfram Berger. Er praktiziert es mit Lust und Freude auf der Bühne, im Film, im Hörspiel. Uns zur Freude. Und dafür liebe ich ihn.

Gruß!

Hermann Beil

(Chefdramaturg bei Düggelin in Basel - dann Codirektor und Chefdramaturg bei Claus Peymann in Stuttgart, Bochum, Burgtheater Wien und Berliner Ensemble)

"Ich kannte Doris Day schon, bevor sie noch Jungfrau war." (Groucho)

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